29/05/2026
Schon als ich mir mit 16 mein erstes Piercing freiwillig stechen ließ, bekam ich von allen Seiten nichts als Ablehnung. Von den Erwachsenen sowieso, denn ich wuchs in einer Ortschaft zu einer Zeit und in einem Umfeld auf, wo sogar gefärbte Haare ein absolutes No-Go waren (wahrscheinlich hat dieser Umstand meinen Schicksal, Tattoo- und Piercing-Artist zu werden, erst recht in Stein gemeißelt, denn ich war einfach immer aus Prinzip "dagegen").
Am einprägsamsten war die Erinnerung an die Verheilungszeit nach meinem Industrial-Piercing:
Voller Euohorie über mein neues Piercing ließ ich mir einen Sidecut schneiden, um zu vermeiden, andauernd mit den Haaren im Piercing hängen zu bleiben. Natürlich konnte man das frisch gestochene Piercing dadurch auch viel besser sehen. Die Mutter eines Freundes hatte bis dahin noch nie so ein Piercing zu Gesicht bekommen und reagierte dementsprechend geschockt. "Nimm das doch einfach raus!", meinte sie entrüstet. Ich dachte jedoch gar nicht daran. So viel Schmerz, so viel hart verdientes Geld, natürlich werde ich mich niemals von diesem Piercing trennen, nur weil es niemandem gefällt, außer mir selbst.
16 Jahre später habe ich mein Industrial-Piercing leider nicht mehr. Im Nachhinein wäre es bei meiner Ohrform auch nicht so passend gewesen, da sich mein äußerer Ohrknorpel zu stark wölbt und ich dadurch nur PTFE-Schmuck tragen konnte. Aber selbst wenn mir das damals jemand gesagt hätte, wäre es mir trotzdem egal gewesen. Das Leben ist trist genug, und die Freude von intrinsischer Selbstverwirklichung werde ich nicht ebenso dämpfen, wie die Hater aus meiner Jugend.
TL;DR: auch wenn's mir persönlich nicht gefällt, ruiniere ich nicht die Euphorie meiner Kund_innen. Außer, es ist wirklich eine absolute Schnapsidee (zB. Piercing ungeeignet aufgrund der Anatomie des Körpers, zu hohes Infektionsrisiko, oder Kontraindikationen).